Vier Augen, zwei Agenten
Immer mehr Code entsteht mit KI-Agenten. Und trotzdem tauchen beim Review immer wieder Fälle auf, die der schreibende Agent übersehen hat. Woran das liegt, obwohl es dasselbe Werkzeug ist, darum geht es in meinem Blogbeitrag
Das Review-Prinzip kennt jeder Entwickler: Bevor Code live geht, schaut mindestens ein zweiter Entwickler nochmal drüber. In meiner Arbeit hat dieses Prinzip in den letzten Monaten eine neue Ebene bekommen. Inzwischen erarbeitet jeder meiner Kollegen, mich eingeschlossen, die Änderungen am Code mit einem KI-Agenten. Trotzdem muss der Code noch reviewed werden. Ich reviewe immer von Hand, aber lasse nun auch meine eigenen Agenten über das schauen, was der Kollege gebaut hat. So sind aus 2 Augenpaaren vier geworden, zwei menschliche und ein künstliches.
So passiert jedes Mal das Gleiche: Es tauchen Edge Cases auf, an die vorher keiner gedacht hat. Weder der Kollege noch sein Agent.
Was kann der eine besser als der andere?
Am Anfang muss man sich natürlich diese Frage stellen. Es ist ja dasselbe Werkzeug, dasselbe Modell. Warum findet der eine etwas, was der andere übersieht, obwohl er von Anfang an an der Konzeption dabei war?
Wenn man aber mal genauer darüber nachdenkt, wird klar, dass die Antwort doch simpel ist. Keiner der beiden kann etwas besser oder anderes als der andere. Sie stecken in zwei völlig unterschiedlichen Rollen: der des Autors und der des Reviewers.
Autor und Reviewer sehen Unterschiedliches
Wer ein Feature baut, hat ein Ziel vor Augen. Die eigene Lösung soll funktionieren und fachlich stimmig sein. Dabei geben wir dem Agenten nicht nur mit, dass es am Ende laufen muss, sondern greifen auch fachlich und technisch ein, sagen ihm, worauf er achten soll, und erarbeiten ein Konzept mit ihm, nach dem dann entwickelt wird. Und trotzdem bleibt er, genau wie wir selbst, ganz auf die Absicht ausgerichtet, die hinter der Aufgabe steht. Das ist auch gut so, nur führt es dazu, dass er blind für die Lücke zwischen dem wird, was gemeint war, und dem, was am Ende wirklich im Code steht. Ein bisschen wie beim eigenen Text, den man Korrektur liest und den Tippfehler trotzdem nicht sieht, weil man ja weiß, was da eigentlich stehen sollte.
Mein Agent kennt zwar den Kontext, das Ticket dazu und weiß, was das Ziel war. Aber er hat es nicht selbst gebaut, und deshalb hängt er an keiner bestimmten Lösung. Er liest den Code so, wie er tatsächlich dasteht, nicht so, wie er gemeint war. Dazu kommt, dass ich ihm eine andere Frage stelle. Der Agent des Kollegen sollte etwas bauen. Meiner soll etwas finden. Das ist ein komplett anderer Auftrag, und ein anderer Auftrag führt zu einem anderen Blick.
Die Frage kommt vom Menschen
Der wichtigste Teil ist aber ein anderer: Die Edge Cases kommen gar nicht aus dem Agenten. Sie kommen von einem selbst.
Der Agent sucht diese Fälle nicht von allein. Ich weiß aus der Arbeit am Projekt, wo es heikel werden kann, habe oft so ein Gefühl, an welcher Stelle besonders aufgepasst werden muss, und schicke den Agenten genau dorthin. Der Agent des Kollegen kam nicht auf die Idee, weil der Kollege nicht auf die Idee kam zu fragen. Nicht weil sein Werkzeug schlechter wäre, sondern weil ihm in dem Moment der Kontext fehlte, aus dem heraus man diese Frage überhaupt stellt.
Genau da liegt der Punkt. Der Agent verstärkt die Frage, die man ihm stellt. Er ersetzt sie nicht. Er ist unglaublich gut darin, einer Spur zu folgen, aber jemand muss ihm sagen, welcher Spur. Und dieses Gespür dafür, wo es sich lohnt hinzuschauen, kommt aus Erfahrung, aus dem Wissen über die Domäne und manchmal einfach aus einem mulmigen Gefühl an der richtigen Stelle.
Wo die Arbeit heute liegt
Für uns heißt das ganz praktisch, dass sich unsere Arbeit verschoben hat. Früher steckte die meiste Zeit darin, den Code überhaupt zu schreiben. Heute schreibt die KI den größten Teil davon, und oft funktioniert auch alles tadellos. Genau das macht ihn gefährlich. Die eigentliche Arbeit liegt jetzt woanders, nämlich in dem zweiten, unabhängigen Blick darauf, ob er wirklich stimmt. Deswegen lassen wir bei uns nie denselben Agenten schreiben und prüfen, sondern immer einen zweiten Menschen mit seinem eigenen Agenten drübergehen.
Das Vier-Augen-Prinzip ist damit nicht überflüssig geworden, im Gegenteil. Es hat nur neue Beteiligte bekommen. Zwei Agenten, die bauen und suchen, und zwei Menschen, die wissen, wohin sie ihre Agenten schicken. Manchmal hilft eben ein frischer und unvoreingenommener Blick auf komplizierte Aufgaben.
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